Eine Buyer Persona ist schnell erstellt. Name, Alter, Jobtitel, vielleicht noch ein Foto aus einer Stock-Bibliothek. Fertig. Abgehakt.
Und dann landet sie in der Schublade – weil sie niemanden wirklich beschreibt. Weil sie zu glatt ist, zu abstrakt, zu weit weg vom echten Menschen, mit dem Sie morgen früh am Telefon sitzen.
In diesem Artikel entwickeln wir gemeinsam eine Buyer Persona – Schritt für Schritt, anhand von sechs Dimensionen, die zusammen ein Bild ergeben, das wirklich nützlich ist. Als Beispiel dient uns ein Unternehmenstyp, der viele Anbieter vor echte Rätsel stellt: der Hidden Champion.
Unser konkreter Ansprechpartner: Markus Berger, Leiter Produktion bei der Müller Antriebstechnik GmbH. 380 Mitarbeiter, Schwarzwald, Präzisionskomponenten für Medizintechnik und Maschinenbau. An dieses Unternehmen wollen Sie eine Software zur Produktionssteuerung verkaufen.
Fangen wir an!
Dimension 1: Demografie & Firmografie – die notwendige Oberfläche
Ja, wir fangen mit dem Offensichtlichen an. Aber nicht, weil es reicht – sondern weil es die Grundlage ist, ohne die alles andere in der Luft hängt.
Markus, 48 Jahre alt. Verheiratet, zwei Kinder. Aufgewachsen in der Region, hat eine Ausbildung als Industriemechaniker gemacht und danach berufsbegleitend Produktionsmanagement studiert. Seit 12 Jahren bei Müller Antriebstechnik, davon 6 als Produktionsleiter. Er ist kein Quereinsteiger – er kennt das Unternehmen von innen.
Das Unternehmen: inhabergeführt, dritte Generation, Exportanteil über 60 Prozent, Hauptkunden in der Medizintechnik und im Maschinenbau, IT-Abteilung mit drei Personen. Kein Konzern-Einkauf, keine strukturierten Ausschreibungsprozesse. Entscheidungen fallen langsam – aber wenn sie fallen, halten sie.
Soweit die Oberfläche. Sie ist notwendig. Aber sie reicht nicht.
Praxis-Tipp vom B2B Runner: Arbeiten Sie so granular wie möglich. “Mittelstand DACH” ist keine Zielgruppe – das ist eine Ausrede. “Inhabergeführter Maschinenbauer, 100–500 Mitarbeiter, Bayern oder Baden-Württemberg, Exportanteil über 50 Prozent” – das ist ein Anfang. Je präziser Ihre Demografie, desto schärfer alles, was danach kommt. Klicken Sie sich auch einmal durch LinkedIn-Profile Ihrer Zielgruppe – rasch werden Sie typische Daten und Muster erkennen.
Dimension 2: Emotionale Treiber & Motive – was Ihre Buyer Persona wirklich antreibt
Hier wird es interessant. Und hier trennt sich eine nützliche Persona von einer dekorativen.
Der Hirnforscher und Wirtschaftspsychologe Hans-Georg Häusel hat mit seinem Limbic®-Modell gezeigt, dass Kaufentscheidungen – auch im B2B – fundamental emotional sind. Nicht irrational. Aber emotional verankert. Die Frage ist nicht ob Emotionen eine Rolle spielen, sondern welche.
Für eine Buyer Persona im B2B-Kontext bedeutet das: Wir wollen wissen, welche emotionalen Grundmotive diese Person in ihrem Job antreiben. Nicht ob sie lieber Netflix schaut oder Sport macht – das ist für unsere Zwecke irrelevant. Sondern: Wie tickt Markus Berger, wenn er Entscheidungen trifft?
Markus ist kein Pionier. Er sucht keine Disruption. Er sucht Kontrolle und Verlässlichkeit. Er will wissen, was passiert – bevor es passiert. Er schätzt bewährte Lösungen über innovative Experimente. Wenn ein Anbieter mit “revolutionär” und “game-changing” kommt, schaltet Markus innerlich ab.
Was ihn dagegen öffnet: Stabilität. Nachvollziehbarkeit. Das Gefühl, dass er die Zügel in der Hand behält – auch nach der Einführung einer neuen Software.
Stellen Sie sich kurz vor, Sie pitchen Markus eine neue Lösung. Welches Wort überzeugt ihn mehr – “innovativ” oder “bewährt”?
Richtig. Und das ist kein Zufall. Es ist seine emotionale Grundstruktur im Job.
Praxis-Tipp vom B2B Runner: Wenden Sie Häusels Limbic®-Typen direkt auf das Jobverhalten an – nicht auf die Persönlichkeit im Allgemeinen. Die entscheidende Frage ist: Ist diese Person in ihrer Rolle eher Pionier (Offenheit, Innovation, Risiko) oder Bewahrer (Stabilität, Kontrolle, Disziplin)? Das verändert Ihre gesamte Argumentation. Ein Bewahrer kauft keine “Revolution” – er kauft Sicherheit.
Dimension 3: Identität & Selbstbild – wer will diese Person sein?
Das ist die tiefste und heikelste Dimension. Und gleichzeitig eine der wirkungsvollsten – wenn man sie richtig angeht.
Jeder Mensch hat ein Bild von sich selbst. Und Entscheidungen müssen zu diesem Bild passen. Markus sieht sich als jemanden, der liefert. Der sein Team schützt. Der Versprechen hält. Er ist stolz auf das, was in dieser Fertigung produziert wird – auf die Präzision, auf die Qualität, auf die Verlässlichkeit gegenüber Kunden.
Eine Entscheidung, die dieses Selbstbild stärkt – “Ich habe das richtige Werkzeug für mein Team geholt” – wird er treffen. Eine Entscheidung, die es gefährdet – “Ich habe mein Team in ein gescheitertes Projekt hineingezogen” – wird er vermeiden. Mit aller Kraft.
Das erklärt seine Vorsicht. Er hat einmal eine Einführung miterlebt, die sechs Monate dauern sollte und zwei Jahre gebraucht hat. Seitdem ist sein Selbstbild mit einer zusätzlichen Schutzschicht versehen: Ich lasse mich nicht mehr so leicht überzeugen.
Praxis-Tipp vom B2B Runner: Vorsicht vor Projektion. Wir neigen dazu, anderen das Selbstbild zuzuschreiben, das wir selbst hätten – oder das wir uns für unsere Zielgruppe wünschen. Das ist einer der häufigsten Fehler in der Persona-Arbeit. Setzen Sie auf echte Gespräche: mit bestehenden Kunden, mit verlorenen Deals, mit Menschen, die Sie um ein ehrliches Feedback bitten. Was Sie dabei hören, wird Sie überraschen – und Ihre Personas deutlich schärfer machen.
Dimension 4: Jobs to be done – was will Markus wirklich erledigt haben?
Das Konzept stammt ursprünglich von Clayton Christensen: Menschen kaufen keine Produkte – sie “heuern” sie an, um einen Job zu erledigen. Die Frage ist nicht “Was kauft Markus?” sondern “Was will er damit erreichen?”
Markus kauft keine Software zur Produktionssteuerung. Er will Transparenz über seine Fertigung – in Echtzeit, ohne drei Telefonate. Er will Probleme sehen, bevor sie eskalieren. Er will seinen Mitarbeitern ein Werkzeug geben, das ihnen den Alltag leichter macht, nicht schwerer. Und er will intern liefern: pünktlich, in Qualität, ohne Überraschungen.
Das ist sein Job to be done. Und wenn Ihr Produkt diesen Job besser erledigt als alles, was er bisher hatte – dann kauft er. Nicht weil Ihr Feature-Set überzeugt. Sondern weil Sie seinen Job verstehen.
Wann haben Sie Markus zuletzt gefragt, was ihn wirklich beschäftigt – und einfach zugehört?
Praxis-Tipp vom B2B Runner: Neugier ist hier die wichtigste Kompetenz. Menschen erzählen gerne über ihre Arbeit – über das, was sie beschäftigt, was sie nervt, was sie stolz macht. Wer echtes Interesse zeigt und nachfragt, bekommt mehr Insight in einem Gespräch als jede Umfrage je liefern könnte. Fragen Sie nicht “Was brauchen Sie?” – fragen Sie “Was passiert bei Ihnen, wenn ein Auftrag kurzfristig geändert wird?”
Dimension 5: Die Rolle im Buying Center – wer ist Markus im Prozess?
Markus ist Produktionsleiter. Aber was bedeutet das wirklich – in diesem Unternehmen, in diesem Kaufprozess?
Er ist der Initiator: Er hat das Problem erkannt und das Projekt angestoßen. Er ist auch der wichtigste User: Er und sein Team werden die Lösung täglich nutzen. Aber er ist nicht der Entscheider. Bei Müller Antriebstechnik entscheidet ab einer bestimmten Investitionsgröße der geschäftsführende Gesellschafter – Klaus Müller. Und vorher müssen Sandra Hofer aus dem Controlling und Thomas Riedel aus der IT überzeugt sein.
Markus hat also eine Doppelrolle: Er ist Ihr wichtigster Fürsprecher intern – und gleichzeitig jemand, der intern selbst verkaufen muss. Was er von Ihnen braucht, sind nicht nur Argumente für sich selbst. Er braucht Argumente, die er an Sandra, Thomas und Klaus weitergeben kann.
Praxis-Tipp vom B2B Runner: Denken Sie in Funktionen und Rollen – nicht in Jobtiteln. “Einkaufsleiter” ist einer der am unterschiedlichsten ausgelegten Begriffe im Mittelstand. Bei einem Unternehmen hat er Budgethoheit und Entscheidungsbefugnis. Beim nächsten ist er Verhandlungsführer ohne eigenes Budget. Fragen Sie früh im Gespräch, wie Entscheidungen in diesem Unternehmen typischerweise getroffen werden – und hören Sie sehr genau hin.
Dimension 6: Die tägliche Realität – was passiert wirklich um 10 Uhr morgens?
Das ist die Dimension, die am schwersten zu beschreiben ist – und die den größten Unterschied macht.
Markus’ Alltag: Drei Schichten, kurzfristige Änderungen aus dem Vertrieb, eine Qualitätsreklamation, die gestern reingekommen ist, ein Maschinenausfall, der heute früh den Schichtleiter auf Trab hält, und ein Meeting um elf, für das er noch keine Zahlen hat. Er koordiniert per Telefon, per Excel, per Zuruf. Er weiß, dass das nicht optimal ist. Aber es funktioniert – irgendwie. Und das ist gleichzeitig das Problem: Es funktioniert gerade gut genug, um keine Dringlichkeit zu erzeugen.
Wer das versteht, versteht auch, warum Markus zögert. Nicht weil er keine bessere Lösung will. Sondern weil jede Veränderung in diesem Alltag zunächst mehr Aufwand bedeutet, bevor sie weniger Aufwand bedeutet. Und dieser Mehraufwand kommt zu einem Alltag hinzu, der bereits voll ist.
Das ist keine Bequemlichkeit. Das ist die rationale Abwägung eines Menschen, der für seine Fertigung verantwortlich ist.
Praxis-Tipp vom B2B Runner: Diese Dimension können Sie nicht am Schreibtisch entwickeln. Echte Kundenbesuche sind durch nichts zu ersetzen. Gehen Sie in die Fertigung. Sitzen Sie eine Stunde im Büro des Produktionsleiters. Schauen Sie zu, was passiert – ohne Agenda. Was Sie dabei erleben, werden Sie in keinem Interview und keiner Umfrage so erfahren. Die tägliche Realität versteht man nur, wenn man sie gesehen hat.
Was die sechs Dimensionen zusammen ergeben: Eine ganze Buyer persona
Wenn wir alle sechs Dimensionen nebeneinanderlegen, entsteht kein abstraktes Profil mehr. Es entsteht ein Mensch.
Markus Berger ist ein erfahrener Produktionsleiter, der Kontrolle und Verlässlichkeit über alles stellt, der sich als jemanden sieht, der liefert und sein Team schützt, der Transparenz in seiner Fertigung will – aber keinen Projektmarathon, der seinen Alltag für Monate lähmt. Der intern der wichtigste Fürsprecher ist, aber selbst intern verkaufen muss. Und dessen tägliche Realität voller ist, als sie von außen aussieht.
Wer das weiß, spricht anders mit Markus. Pitcht anders. Schreibt andere E-Mails, erstellt andere Unterlagen, führt andere Gespräche.
Und wer es nicht weiß – der schickt ein generisches Pitch-Deck und wundert sich, warum der Deal nicht vorankommt.
Eine gute Buyer Persona ist kein Marketing-Dokument. Sie ist ein Empathie-Werkzeug. Und Empathie entsteht nicht durch Annahmen – sondern durch Neugier, echte Gespräche und den Mut, die eigene Fertigung zu besuchen.
Sie möchten für Ihr Unternehmen Buyer Personas entwickeln, die Ihr Team wirklich nutzt – nicht solche, die in der Schublade landen?
In meinen Beratungsprojekten arbeiten wir genau so: Wir entwickeln Personas aus echten Gesprächen, echten Deals und echten Beobachtungen – und verankern sie in Prozessen, die Marketing und Sales gemeinsam tragen.
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